10.02.2009

Bedürfnispyramide

von Wolfgang Kühnelt (haubentaucher.at)


Fotografiert im Hof der Landwirtschaftskammer Steiermark im Februar 2009.

16.03.2008

Mein Leben mit Aufklebern 2

von Matthias Schamp

Danach trat in meinem Verhältnis zu Aufklebern eine gewisse Beruhigung ein. Staunend, jedoch nur aus der Distanz heraus, nahm ich noch die Welle wahr, die über Deutschland hinwegschwappte, als alle ihre auf Hochglanz polierten Karren mit bunten Klebeformen verzierten, die wie Farbbeutelwürfe aussahen: Selbstironische Subversion an den eigenen Wertesystemen oder Beleg für die Theorie der umgekehrten Signifikanten, derzufolge gerade wer besonders angepasst lebt, sich gern mit Zeichen umgibt, die das Wilde, Unangepasste ausdrücken?
Im Nachhinein betrachtet muß man sagen, dass diese relative Zeit der Ruhe keineswegs ein Loslassen bedeutete, sondern nur ein Atemholen, Kraftschöpfen. 1991 trat meine Leidenschaft für Aufkleber nämlich in eine neue Phase: mit der Gründung der „NON(+)ULTRA, Zeitschrift für syntaktische Konfusion“. Die Mitarbeiter schickten mir ihre Beiträge in Form von Stempeln, Sprühschablonen oder eben auch Aufklebern, und ich zog dann los, und brachte die Beiträge an mir geeignet erscheinenden Stellen an. Jeweils nach einem halben Jahr wurde das Zeichenrepertoire ausgetauscht und die nächste Ausgabe der Zeitschrift in Betrieb genommen.
Der Beitrag, der mir am meisten abverlangte und mir insofern besonders gut in Erinnerung geblieben ist, war eine Einsendung des Boml-Werkes mit dem Titel „Die nachgelassenen fotografischen Erinnerungen der Frau R. aus Köln“. Dabei handelte es sich um ein Konvolut Fotos, die der Einsender rückseitig in mit Klebefolie beschichtet hatte. Weil sich niemand mehr für diese fotografischen Hinterlassenschaften einer Versorbenen interessierte, waren sie zur Vernichtung bestimmt gewesen, bis sich das Boml-Werk der Bilder annahm, und sie an mich weiterleitete mit der Bitte, sie noch einmal dem öffentlichen Bewusstsein zuzuführen.
Seltsames Empfinden bei der Zurhandnahme der Fotos. Unwillkürlich baute sich eine Beziehung zu der Person auf, deren Leben in diesen festgehaltenen Momenten an einem vorbeizog. Auch ein Gefühl der Verantwortung: Für jedes dieser Fotos einen passenden Ort im öffentlichen Raum zu finden, bedeutete schließlich keine leichte Aufgabe. Intime Wohnzimmerszenen, die plötzlich im Getriebe der Stadt aufblitzten. Oder verblichene Reisefotos aus den 50er Jahren, die wie Spindbilder beim Öffnen eines Bahnhofsschließfaches dem Benutzer ins Auge sprangen. Die Fotos verschmolzen derart gut mit ihren Anbring-Orten, dass sie teils Jahre dort überdauerten, ohne dass sich jemand bemüßigt fühlte, sie abzureißen.
Soviel Rücksicht nahm ich selbst hingegen nicht immer. Eine Zeit lang gehörte es zu meinen Beschäftigungen, an der Pissrinne meiner Stammkneipe mit der freien Hand die in Reichweite befindlichen Aufkleber mittels gezieltem Knibbeln umzugestalten. Auf diese Weise entstanden bizarre Fabelwesen und andere Wesenheiten, die sich unter den Gästen einer gewissen Beliebtheit erfreuten. Doch ließ ich nur blöden Aufklebern, oder solchen, die sowieso schon von Abreißspuren in Mitleidenschaft gezogen worden waren, diese Behandlung angedeihen.
Dieser Zeitvertreib konnte indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ein anderer Wunsch war, der längst von mir Besitz ergriffen hatte: Die Sehnsucht nach dem ersten eigenen Aufkleber. 1999 hatte ich im Ruhrgebiet eine Bewegung, die „Wir sind das Bild“-Bewegung, ins Leben gerufen, die rasch anschwoll. Unter dem Motto „The Movement is going international” fand 2001 die erste Demonstration auf englischem Boden statt. Später gerieten auch Österreich und Finnland in den Sog. Demonstration folgte auf Demonstration. Ich kam mit dem Verfassen der Aufrufe kaum hinterher. Zur Ausrüstung gehörten Demoschilder, Transparente, Fähnchen, Flugblätter und ein Agitationsstand. Es gab sogar Buttons, die ich an einer eigens zu diesem Zweck ausgeliehenen Buttonmaschine fabriziert hatte. Das Einzige, was mir bislang versagt geblieben war, waren Sticker, richtig gesiebtdruckte Sticker – quasi das Salz in der Suppe jeder Bewegung.
Da hatte ich das Glück, einem freundlichen Menschen zu begegnen, dessen Wohlwollen ich gewann, indem ich Watte bewegte. Dies geschah unter dem Motto „Den Erwartungshorizont unterschreiten – jetzt!“ Es wird ja immer gottweißwas davon berichtet, wie verwöhnt die Leute seien in diesem Zeitalter der Spektakel. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sie sich auch schon allein dadurch prächtig unterhalten fühlen, wenn man Watte bewegt.
Jedenfalls gab mir der freundliche Mensch das Geld für meinen ersten Aufkleber, auf den ich natürlich mächtig stolz bin. Oben steht: „We are the picture“, unten: „International movement“. Und aus einem Stern weist eine Hand direkt auf den Betrachter. Daneben steht: „Join in!“

10.03.2008

Digital ist besser

05.03.2008

Mein Leben mit Aufklebern

von Matthias Schamp

Prilblumen. Alles begann mit Prilbumen, diesen Ausgeburten des Pop-Zeitalters. Flower-Power comes to Küchenfliesen. Unter merkantilem Gesichtpunkt war es natürlich genial, die Spülmittelflaschen mit den Aufklebern aufzupeppen. Auch unsere kleine Kindergesellschaft konnte sich derem suggestiven Zwang nicht entziehen. Und so blühten sie denn, von der Mutter geduldet, im reinlichen Küchenbiotop.
Subtiler noch, weil unter dem Mäntelchen des Lehrreichen, war der Dreh, den sich Esso ausgedacht hatte: Heinz Sielmanns „Könige im Tierreich“ und „Vorstoß in die Tiefe“ von Hans Hass. Zum Benzin gab’s bunte Einklebe-Bildchen. Und die Rechnung ging auf: Unsere kleine Kindergesellschaft zwang die Mutter, fortan nur noch Esso zu tanken.
Doch hatte auch dies sein Gutes. Philosophische Urerfahrungen ¬von der Durchschlagkraft eines Höhlengleichnisses waren das, wenn ein Wesen, das beim beständigen Durchblättern des Bandes als bloße Bezeichnung sein Dasein gefristet hatte, durch Einkleben des passenden Bildes plötzlich aus den Nebelbänken der Begrifflichkeit hervorstieg und Gestalt annahm. Gnu! Tapir! Seekuh! Auch stammt aus dieser Zeit mein legendärer Deutschaufsatz zum Thema „Was ich einmal werden möchte“ (Antwort: Tiefseetaucher) der mein späteres Sein vorwegnimmt. Alles, was ich seither treibe, sind Tauchgänge in die Schichten der Realität.
Den subtilen Einflüsterungen des Kapitalismus, die uns selbst zu Kapitalisten werden ließen, erlagen wir dann endgültig, als das Kapitel „Fußballbildchen“ aufgeschlagen wurde. WM 74. Beckenbauer, Breitner, Hoeneß ... Kurz drauf glückte dem ortsansässigen Fußballverein der Aufstieg in die erste Liga. Hektische Tauschgeschäfte auf der Schulhofbörse mit täglich wechselnden Kursen. Es gab Ramsch und Raritäten. Ich erinnere mich noch gut an das Gefühl beim Aufreißen der Tüten. Zu welcher Seite würde sich die Schicksalswaage diesmal neigen? Dabei hatten sich die multinationalen Konzerne, die sich der Produktion von Fußballbildchen verschrieben haben, eine Gemeinheit ausgedacht: Künstliche Verknappung. Jeweils ein Fußballer, der sich in einer Region besonderer Beliebtheit erfreute, war in eben dieser, seiner Heimatregion, extrem selten. Doch anstatt zu lamentieren wusste ich diesen Umstand zu nutzen, indem ich mit meinem Vetter ein städteübergreifendes Tauschsystem etablierte. Friedhelm Funkel, für den in Krefeld Spitzenpreise erzielt wurden, kriegte man in Bochum hinterher geschmissen. So gelang es quasi aus dem Nichts und mit minimalem finanziellem Einsatz das komplette Album voll zu bekommen und sogar noch einen hübschen Überschuss zu erzielen. Wenn ich meine ökonomischen Misserfolge in späteren Jahren dagegen halte, muß ich eingestehen: Dies war meine geschäftstüchtigste Zeit im Leben.
Nach dieser rauschhaften Hingabe an die Konsum- und Wirtschaftswelt ging es dann mit Volldampf in die Protestphase. Um mich herum vollzog sich eine Explosion von Aufklebern, die nun „Sticker“ genannt wurden. Natürlich mischte ich kräftig mit. Friedenstaube auf blauem Grund, Anti-AKW-Sonne und „Fuck the Army” auf der Schultasche, letzteres eine freundliche Schildkröte, die einen Armeehelm rammelte. Besser ließ sich der Protest gegen den Staat und der Wunsch nach sexueller Betätigung nicht auf den Punkt bringen. Eva hieß die Frau, mit der es dann klappte.

27.11.2007

Schifoan II

22.11.2007

Schifoan

15.11.2007

Skigott Ingemar

von Martin Gasser

Gäbe es einen Skigott, er müsste natürlich Ingemar heißen. Der Schweiger aus Tärnaby war in seiner zurückhaltenden Art aus dem Stoff gemacht, aus dem Superhelden sind. Ein Peter Parker, der sich auf der Piste mit Geschwindigkeit und Souveränität durch Slalom- und Riesenslalomstangen bewegte wie Spiderman durch die virtuellen Wolkenkratzerschluchten Sam Raimis. Wenn er den Amerikanern und Österreichern um die Ohren fuhr, gab er dem kleinen Volksschüler eine Ahnung davon, dass Stil und Klasse ein ebensolches Identifikationsmuster sein könnten wie nationale Zugehörigkeit. Dass er ab Mitte der 70er für einige Jahre unschlagbar zu sein schien, ließ die Volksseele kochen. Dass es auch cool sein könnte, Schwede zu sein, das stand nicht zur Debatte. Mein Vater, der in Sport-Dingen üblicherweise gar nicht so gleichgeschaltet war und mir eine wohl lebenslange Leidenschaft für russisches Eishockey und (weniger abweichlerisch) Muhammed Ali implantierte, hasste Ingemar wild. Vor allem sein angeblich fehlendes Draufgängertum machte ihn suspekt. Nur weil er sich bis auf einen (ihm ohnehin unwürdigen) Auftritt in Kitzbühel dem Abfahrtslauf verweigerte. Ein brillanter Techniker war den Menschen tendenziell unsympathischer als ein Geradeaus-Juche-Fahrer wie die Naturburschen aus Österreich. Die regelmäßigen lautstarken Verfluchungen, die im heimatlichen Haushalt über den größten Skifahrer aller Zeiten hereinbrachen, konnten nichts an meiner stillen Bewunderung ändern. Und in einer Zeit, wo Bilder nicht so problemlos verfügbar und daueranwesend waren wie heute, war der Platz vor dem Holzende des Bettes meines Bruders, auf das er ein Pickerl Ingemars geklebt hatte, ein quasisakraler Ort, wo man diesem Gott huldigen konnte. Eine Ikone, vor der man sich insgeheim verneigen durfte. Dass ich meine religiöse (Rest)-Neigung bis heute in erster Linie an säkularen Gegenständen auslebe, ist mir geblieben, das Pickerl leider nicht. Es wurde gemeinsam mit dem ausgemusterten Bruderbett entsorgt.

04.11.2007

Autopflege

01.11.2007

The Power of ...

20.10.2007

Das Vermächtnis der Prilblumen 2

von Gisela Müller

Das Kind, das ich gewesen bin, als ich Aufkleber sammelte, interessierte sich weder für die Ästhetik seiner Sammlung, noch für deren inhaltliche Auslegung, noch für ihren Gebrauchs- oder Rücktauschwert. Es galt einzig, die naturbelassene Holzoberfläche des Schreins unter Schichten von Buntem und Plakativem zu verbergen.
Ich glaube, vorher gehörte das Schränkchen meiner älteren Schwester, aber dann war es meins. Es trägt die festverklebten Spuren meines Aufwachsens, der beginnenden Gleichzeitigkeit des Gleichzeitigen, des anything goes goes. Völlig meinungs- und gestaltungswillenlos wirbt seine unebene Hochglanzoberfläche mit dem Konterfei von Franz-Josef Strauß unter einem SPD-Aufkleber, für die Bayerische Vereinsbank und gegen Atomkraft, für die Europa-Wahl '78 und für Unterach am Attersee, es fordert ein Herz für Kinder und Stop Lepra und fragt mit dem HB-Männchen, wer wird denn gleich in die Luft gehen punkt punkt punkt. Es zeigt eine geknickte Zigarette und sagt, es geht auch ohne, es sagt: ich bin – a Bayer, ein Würzburger, Kini (= König), doch keine Ölsardine, ich tanke preisbewusst, ich boxe gern. Und es sagt du: Mensch! Denk an deine Umwelt!, mach HALT!, wenn du ROT siehst, du bist genau mein Typ, ich hab dich liiiieb! Es preist den Supercord von Levis und die Bundesgartenschau und das Atomic Racing-Team und Pontresina und LiquiMoly Motorenöl.
The message is the message, the medium is the medium und the Pickerl is the Pickerl. Der Schrein meiner Kindheit ist der Vollzug des Diskursfreien Sprechaktes. Er zeigt mir ein verschollenes Ich in einem Moment beneidenswerter Unvoreingenommenheit. Ich, das kleine Mädchen, war immun gegen jede Anwerbung, weil ich keine Urteile fällte. Seltene Tiere aus der Sammelserie von Danone existierten ja viele. Kaum klebte ein Sticker, war er vergessen und konnte neu überklebt werden. Ganz einfach. Jeder Tag ist Tag der Umwelt. Zum Glück gibt's Nigrin Autopflege. Auch Auzubis brauchen Liebe. Weil Lepra heilbar ist. Und eine Moral von der Geschicht’, die gab es und die gibt es nicht.

16.10.2007

Feed me