10.04.2007

Ja!

von Christof Huemer

Meine Eltern wollten für mich unbedingt eine Schule mit Nachmittagsbetreuung, und da kam in Salzburg, damals, am Anfang von früher, nur ein katholisches Privatgymnasium in Frage. Dort regierte diese typisch katholisch klebrige Frömmigkeit, in allem (vom Turnkastel bis zur Pädagogik) und so waren wir z.B. 39 in der Klasse, dafür fiel keiner durch. Als ich 15 war feierte die Schule irgendeinen runden Geburtstag oder irgendein spezielles Fronleichnam, auf jeden Fall wurde zu diesem Anlass ein Pickerl-Wettbewerb ausgerufen, an dem alle Klassen im Rahmen von BE teilnehmen sollten. Gefragt war ein Pickerl mit dem Text „Ja“, denn das Weizenkorn muss ja sterben, und Ja das klang so positiv und hell und lebensbejahend. Mein guter Freund Klaus und ich waren damals in einer Waver- und Grufti-Clique, eine riesige Szene in S-burg, wir waren also für nichts, das nicht The Sisters Of Mercy oder The Cure war, zu interessieren, zerstörten aber zusätzlich seit Anfang des Semesters jede BE-Arbeit des anderen - zuerst aus Vandalismus, dann als artistischer Akt.
Klaus zerstörte also mein Nein aus lauter kleinen Jas, ich den Ja-Entwurf aus kleinen Neins von Klaus - wir hatten somit das ganze Jahr über keine Arbeit abgegeben, und unser Zeichenlehrer setzte für in zwei Wochen eine Entscheidungsprüfung zwischen 4 und 5 an, die dann allein deswegen zu unseren Gunsten ausging, da unser mittlerweile von Interpol gesuchte Mitschüler Michael damit drohte, ansonsten aus dem Fenster zu springen (2. Stock).
Den Ja-Wettbewerb gewann übrigens ein schwammiger Mitschüler - vor allem deshalb, da wenig zuvor sein Vater gestorben war und die Schule ihm auf diese Weise Trost zusprechen wollte. Sein Ja sah übrigens so aus, wie ein Ja auf einem ÖVP-Wahlplakat aussehen würde, nur halt in roter Schrift. Auf jeden Fall war das Fenster des Zeichensaals, aus dem Michael springen wollte (wie auch die restliche Schule), über und über mit diesen „Ja“-Pickerln beklebt.

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