15.04.2007

Chiquita

von Hermann Götz

Sagen wir, die wilden 1970er waren gerade vorbei und die wilden 1980er hatten noch nicht begonnen. Ruhige Zeiten sozusagen, was aber eh wurscht war, weil ich auch von den wilden Zeiten wenig mitbekommen habe. Zumindest nicht durch meine Eltern. Mein Vater zum Beispiel war 1968 zufällig auf der Uni in Paris und alles, was er mitgebracht hat, ist ein kleinkariertes braunes Sakko, keine Pflastersteine oder so. Meine Mutter hat erst ein paar Jahre später mit der Emanzipation begonnen (oder die Emanzipation mit ihr – however), das hat sich mir durch die Stimme von Wolfgang Ambros mitgeteilt, die plötzlich statt der üblichen Beschallung durch Karl und Karl-Heinz Böhm (Mozart, für Kinder) aus dem Kassettenrekorder kam („Die Woarheit is so weiß wia Schneeeee“). Das war schon ein mittelgroßer Skandal. Wirklich wild waren damals nur meine beiden großen Brüder. Die gingen bereits in die Schule, und zwar allein, was dermaßen abenteuerlich gewesen sein muss, dass sich die Legendenbildung in Sachen wilder Schulweg bis heute nicht ausmerzen hat lassen. Zum Beispiel sollen die beiden regelmäßig die Holzbalken eines bürgerlichen Restaurants, das auf diesem Schulweg lag, zugeschmissen haben – bis einmal der dicke Koch rauskam, um sie mit dem Holzkochlöffel die halbe Sporgasse hinaufzufotzen. Ist aber nicht bezeugt diese Legende. Die einzigen Zeugnisse, die meine Brüder vom Schulweg mitbrachten, waren Pickerl. Von irgendeiner Bank oder Sparkasse. Ellipsenförmige Aufkleber mit einem Schnabeltier drauf (wahrscheinlich ein Raiffeisen-Rabe), das in unterschiedlichen Posen unterschiedliche Bank-Angebote bewarb. Die Pickerl bezeugten den unbeschreiblichen Mut der beiden, regelmäßig in die Bank hineinzumarschieren und um Pickerl zu bitten. Und sie illustrierten die unendliche Unterlegenheit von mir, der ich, während sie einen wilden Schulweg hatten, zu Hause hockte und dagegen ankämpfte, mit dem Daumenlutschen aufhören zu müssen. Die Pickerl aus der Bank markierten bald in der ganzen Wohnung an allen beklebbaren Stellen diese Überlegenheit der großen Brüder, brachen so in mein Territorium ein und nötigten mich zu einer unmissverständlichen Gegenmaßnahme. Die gelang dann, wie so oft, mit Hilfe einer Erkrankung. Man lese „Krankheit als Weg“, dann weiß man, dass Gesundheitsstörungen stets Strategien sind, sich gegenüber sich selbst und seiner Umwelt zu behaupten. Oder so ähnlich. Mir hat jedenfalls ein Darminfekt den Weg zu einer erfolgreichen Antwort auf die Bank-Pickerl meiner Brüder gewiesen. Der war leicht gekrümmt und hieß „Chiquita“. Jede Banane ein blaues Pickerl, ebenfalls Ellipsenförmig und – wenn auch kleiner – wesentlich markanter als die Schnabeltier-Aufkleber von der Bank. Bald war die Wohnung übersäht damit und – unter uns: dass meine Markierung die weit erfolgreichere war, beweist mir der Umstand, dass Chiquita noch heute mit dem blauen Kleber auftritt, während sich Banken unserer Tage davor hüten, Werbung mit schrägen Vögeln zu machen, die aussehen wie der Pleitegeier.

Kommentare:

Anja Hanten hat gesagt…

Schön, dass ich jetzt erfahre, was eigentlich ein „Pickerl“ ist. In dem Glauben, es handle sich um die in Österreich landläufige Bezeichnung für die Autobahnvignette, habe ich vor einigen Jahren bei einer Tankstelle in der Südsteiermark ebendieses wie selbstverständlich verlangt und ein breites Grinsen kassiert. Ich hatte das Gefühl mich zwar verständlich gemacht, aber nicht wirklich verstanden zu haben.

Haubentaucher hat gesagt…

Ein Pickerl ist im österreichischen Straßenverkehr nicht die Vignette, sondern das, was unsere deutschen Freunde wohl TÜV-Plakette (oder so ähnlich nennen). Ergo die Bestätigung, dass der fahrbare Untersatz noch fährt, bremst und blinkt.