25.04.2007

Sumsi Overkill

von Wolfgang Kühnelt

Ich war ziemlich genau sieben Jahre alt, als Sumsi in mein Leben trat. Meine Familie übersiedelte von Villach nach Kötschach-Mauthen, einem Ort mit knapp 3700 Einwohnern im oberen Gailtal. Wir bezogen eine neue geräumige Wohnung mit einer riesigen Terrasse, einem Wohnzimmer und sogar einem eigenen Fernsehraum. Außerdem hatten wir in der Küche eine Bar mit dazu gehörigen Hockern statt einem altmodischen runden Tisch. Sollten mich meine Freunde und Schulkollegen damals um all diese gutbürgerlichen Errungenschaften beneidet haben, konnten sie es geschickt vor mir verbergen.
Die Wohnung hatte freilich auch einen kleinen Nachteil. Sie lag genau über der Zentrale der örtlichen Raiffeisenkasse, im Volksmund Raika genannt. Wir Kinder waren daher angehalten, während der Öffnungszeiten Ruhe zu bewahren. Da wir erstens in diesem zarten Alter noch einigermaßen folgsam und zweitens die meiste Zeit tagsüber ohnehin im Freien unterwegs waren, hatten wir bald ein gutes Verhältnis zur Leitung der Bank aufgebaut. Während andere Kinder sehnsüchtig auf den Weltspartag warten mussten, bekamen wir immer wieder kleine Aufmerksamkeiten aus dem Gruselkabinett der Raika-Werbeabteilung.
Bald klebte an jedem Möbelstück in unserem Kinderzimmer eine dicke kleine freundliche Biene namens Sumsi. Die Plastik- und die Klebstoffindustrie hatten in den 1970er Jahren offenbar große Fortschritte gemacht, die Sumsi-Pickerl waren jedenfalls streichweich und vor allem extrem zäh, wenn es um ihre Entfernung ging. In unseren Büchern klebten Sumsis, auf der rosaroten Blumentapete in meinem Zimmer, auf Sesseln und Lampen, Fahrrädern und natürlich auf allen Türen im Umkreis von mehreren hundert Metern. Sumsi wurde mit jedem Klebevorgang ein bisschen uncooler. Wir wurden älter, sie schien immer jünger und kindischer zu werden.
Einige Zeit vor dem Weltspartag veranstaltete man in der Bezirkshauptstadt Hermagor eine Art Kundentest, an der im Jahre Schnee auch einige ausgewählte Kinder aus Kötschach-Mauthen teilnehmen durften. Wir fuhren mit dem VW-Käfer des Raika-Filialleiters in die 30 Kilometer entfernte Kleinstadt. Dort angekommen bekamen wir Karl-May-Bücher vorgelegt, Luftballone und vor allem Unmengen an Produkten, von denen unsere liebe Freundin Sumsi bereits milde auf uns herablächelte. Ich weiß noch, dass ich lange suchen musste, um zwar einen Sack voller Testgeschenke einzustreifen, andererseits aber das blöde Vieh tunlichst zu ignorieren.
Im nächsten Herbst begann für meine kleine Schwester die Kindergartenzeit. In Kötschach-Mauthen gab es einen idyllischen Aufbewahrungsort für menschliche Zwerge, den „Sumsi-Kindergarten“. Dieser wurde – wie könnte es anders sein – von der Raika finanziell unterstützt. Im Außenbereich ragte auf einem Karussell eine riesige Sumsi in die Luft, die Schaukeln, die Rutsche und sämtliche Türen waren mit der Biene zugeklebt. Werbe-Experten, die behaupten, dass frühkindliche Bindung an die Marke zu dauerhafter Treue führt, wissen nicht, wie enorm die Ablehnung gegen die hehre Idee der Raiffeisen-Bewegung Jahr für Jahr in uns wuchs. Da die Sumsis allerdings wie erwähnt de facto nicht mehr aus unserem Umfeld ablösbar waren, mussten wir notgedrungen das Weite suchen. Ich für meinen Teil fand dieses in Lienz, wo ich in einem ersten gewagten Schritt in die Selbstständigkeit eine Volksbank betrat und nach einem sumsi-freien „Jeans-Sparbuch“ verlangte. Adieu Kindheit, bon jour Pubertät ...

Keine Kommentare: