24.05.2007

Wie ich Materialistin wurde II

Fortsetzung zu: Wie ich Materialistin wurde
von Brigitte Fuchs

Endlich sind wir beim Idealismus angelangt, der als Basis von fast allem auch für Sammelalben charakteristisch ist. Trotzdem könnte ich nicht sagen, ich wurde Materialistin, weil ich das durchschaute oder weil ich so ein Tankstellen-Sammelalbum nie voll kriegte. Richtiger ist, dass ich bei Gelegenheit in irgendwo zur Entrümpelung bereit gestellten Beständen ein Sammelalbum fand, das gänzlich dem Idealismus gewidmet war. Es handelt sich um das heute noch in Fan-Kreisen begehrte Nazi-Zigarettenbilder-Sammelalbum „Kampf um’s Dritte Reich“. Dort lernte ich, dass der Idealismus mit dem Töten von Juden und Marxisten identisch ist: „… es zittern die morschen Knochen, wenn wir marschieren“ oder so ähnlich und zwar ca. 100 Seiten lang. Ich beschloss, unverzüglich Materialistin zu werden.
Wie Bachofen sagt, bildet der Idealismus oder das „milde, höhere Recht des geistigen Vatertums“ gemeinsam mit dem Privateigentum und dem Monotheismus den Höhepunkt der Humanität. Um wenigstens das Thema „Idealismus und Privateigentum“ nicht gänzlich zu vernachlässigen, sei angemerkt, dass „Kampf um’s Dritte Reich“ mit sämtlichen vorschriftsmäßig eingeklebten Pickerln heute auf dem globalen Nazi-Zigarettenbilder-Sammelalben-Markt einen Preis von 100 (Deutschland, Österreich, Schweiz) bis 400 (USA bzw. NSDAP/AO) Euro erzielen würde. Selbst das von mir erbeutete so genannte „Leer-Exemplar“ wäre immerhin 30 Euro wert. Schließlich ist „Kampf um’s Dritte Reich“ nicht so leicht zu bekommen wie hunderte andere, weniger idealistische deutsche Zigarettenbilderalben aus der Nazizeit, weil auch damals viele Sammelalben des „Cigaretten-Bilderdienst in Altona-Bahrenfeld“ dem Sport oder der Natur gewidmet waren. Etwas ganz anderes und ein Lichtblick für Idealisten sind Alben, die wie „Kampf um’s Dritte Reich“ von „Professor Heinrich Hoffmann, Reichsbildberichterstatter der NSDAP“ gestaltet wurden. Hoffmann ist ebenso der Verfasser zahlreicher Fotoromane, die insgesamt ein Monument des Idealismus bilden, u.a. „Das braune Heer. 100 Bilddokumente: Leben, Kampf und Sieg der SA und SS. (Geleitwort: Adolf Hitler)“, „Der Triumph des Willens. Kampf und Aufstieg Adolf Hitlers und seiner Bewegung (Geleitwort: Baldur v. Schirach)“, „Für Hitler bis Narvik“, „Hitler baut Großdeutschland. Im Triumph von Königsberg nach Wien“, „Hitler befreit Sudetenland“, „Hitler holt die Saar heim“, „Hitler in Böhmen, Mähren, Memel“, „Hitler in seiner Heimat“, „Mit Hitler im Westen“ und „Mit Hitler in Polen“.

20.05.2007

Horror Vacui

von Brigitte Fuchs

15.05.2007

Wie ich Materialistin wurde


von Brigitte Fuchs

Der „Mehlwurm“ (wie ich es nenne) und das dazugehörige, nicht immer gleiche Ding sind in unterschiedlichen Formaten in weiter Streulage in Wien verteilt, besonders im VI. Gemeindebezirk. „Mehlwurm und Ding“ sind mit Leim auf mehr oder weniger leere Flächen geklebt, also kommt die Plakatpicktechnik zur Anwendung. „Mehlwurm und Ding“ können mithin keineswegs als Pickerln gelten. Pickerln müssen unbedingt selbstklebende Abziehbilder sein. Andererseits verfolgen „Mehlwurm und Ding“ wie Pickerln den Zweck, den berühmt-berüchtigten Horror vacui zu bekämpfen. Diesem wird seit jeher durch Kulturtechniken wie Malen, Zeichnen, Ritzen, Schnitzen, Skarifizieren und Tätowieren begegnet. Als historisch jüngste Technik hat sich das Pickerlpicken entwickelt. Wie Narben, Ritzungen und Tätowierungen lassen Pickerln sich nie wieder ganz entfernen – es sei denn mit Lösungsmitteln, die man normalerweise nicht zur Hand hat.
Nicht ausschließlich gegen die Leere oder die Angst davor werden politische Pickerln eingesetzt. Diese sind – was viele gar nicht wissen – dazu da, um im Bedarfsfall über Feindpickerln gepickt zu werden, die ihrerseits vielleicht im Kampf gegen den Horror vacui aufgepickt wurden. Pickerln können natürlich auch auf Feindplakate geklebt werden – mit leider wenig überzeugendem Effekt, weil die meist eher kleinen Pickerl auf viel größeren Feind- und manchmal auch Freundplakaten nicht sonderlich ins Auge stechen. Anders würde es sich verhalten, würde man Feindplakate unter unzähligen Pickerln verschwinden lassen. Das kommt aber nicht häufig vor. Erstens haben wahrscheinlich selbst begeisterte Pickerlpicker und die weniger häufigen -innen selten so viele Pickerln zur Hand, und zweitens sind derart begeisterte Pickerlpicker und -innen auch wieder selten.
Beispielsweise war ich selbst im halbwegs erwachsenen Alter nie eine begeisterte Pickerlpickerin. (Meine Pickerl-Sammlung ist unbedeutend und besteht in Wirklichkeit hauptsächlich aus Stickern.) Ganz anders war ich als Kind. Damals wurden bei Tankstellen Sammelalben verteilt. Dort wurden auch die dazugehörigen Pickerln, meist mit Tierbildern, verkauft. Das war natürlich ein großer Ärger, weil es erstens schwierig war, die Pickerln ordentlich und ohne Falten einzukleben, zweitens einige Bilder immer mehrmals vorhanden waren, während andere fehlten, die drittens auch andere Kinder nie kriegten und auch durch Tausch nicht zu bekommen waren.
Bleibt die berechtigte Frage, ob nummerierte Abziehbilder, die an vorgesehenen Plätzen in eigens für diesen Zweck hergestellte Sammelalben geklebt werden, überhaupt echte Pickerln sind. Dafür spricht, dass es sich tatsächlich um Pickerln, also selbstklebende Abziehbilder handelt. Andererseits verdecken Sammelalben-Pickerln weder etwas Feindliches wie politische Pickerln noch wird die Furcht vor der Leere bekämpft: Schließlich ist ein Sammelalbum nur scheinbar leer: Die Leere ist in Wirklichkeit artifiziell und wird nur durch den für Sammelalben charakteristischen Imperativ erzeugt, ein bestimmtes, gekennzeichnetes Pickerl an eine ebensolche Stelle im Album zu kleben. Außerdem müssen die Pickerln käuflich erworben oder, wie auch immer, gesammelt werden. Dadurch wird das Pickerlpicken quasi hyperorganisiert, weil immer die richtigen Pickerln „richtig“ – eben vorschriftsmäßig – eingeklebt werden müssen. Beim Sammelalbum, wie eigentlich schon der Name sagt, geht es also mehr ums Sammeln und die „Ordnung der Dinge“ als ums Picken. Mit anderen Worten geht die Bekämpfung des Horror vacui in eine quasi metaphorische, um nicht zu sagen idealistische Form über.

13.05.2007

Weltenzeituhr

Von Wolfgang Kühnelt (Idee) und Hannes Rinnerhofer (Foto)

08.05.2007

Hass im Sunbeam

von Andreas Scharf

Du sitzt im Auto. Rückbank. Ohnehin erniedrigend genug – aber dass dir dein eigener Vater, trotz Tankanzeige im roten Bereich, die Esso-Tankstelle verweigert um bei der nächsten Shell nachzufüllen, lässt dein achtjähriges Herz zu Stein gefrieren. Die zwei fehlenden Einkleber fürs Hans Hass Album gibts hier nämlich sicherlich nicht. Die Rache folgte auf dem Fuß: Bei der übernächsten Kurve ins Auto gekotzt. Nur der Vollständigkeit halber, es war ein Sunbeam in Gold-Metallic.

Vor Brent Spar

Wo samma daham?

03.05.2007

Panini

von Evelyn Peternel

Graz, 1986. Ich bin gerade Vier; weder fähig, meinen eigenen Namen leserlich zu schreiben, noch alleine auf die Straße zu gehen. Trotzdem – es gibt etwas, auf das sich all meine Konzentration lenkt, für das ich all meine Barbies links liegen lasse und wofür ich sogar bereit bin, auf Erdbeereis zu verzichten: die Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko.
Doch es sind nicht die Ballkünstler, die Tore oder die Trainings-
methoden, die mich interessieren – es gibt nur eines, wofür es sich zu leben lohnt: das Panini-Aufkleber-Album. 24 Mannschaften – und damit ungezählte leere Felder, die es zu bekleben gilt. Vollkommen egal, welche Leistung ein Spieler oder eine Mannschaft erbringt – mir geht es nur um eines: mehr Pickerln zu sammeln als mein älterer Bruder (zugegeben, manchmal geht es mir auch darum, wie hübsch ein Spieler aussieht). Vier Jahre Altersunterschied, vier Jahre mehr Möglichkeit, Geld für den Kauf von Aufklebern anzusparen: eine Differenz mit schrecklichen Folgen. Das Ende der WM naht (wer Weltmeister wird, erfahre ich erst Wochen später), das Ende der Vergleichsperiode zwischen mir und ihm ebenfalls – und der Wettkampf endet so wie das Endspiel für die Deutschen: Ich liege am zweiten Platz, knapp geschlagen um ein paar Pickerl. (Wie das Leben so spielt, gleicht sich meine Geschichte leider nicht mit jener der deutschen Nationalmannschaft: auch 1990 habe ich den Titel schmerzhaft verpasst.)
Diese Geschichte ist leider ohne ein Andenken, d.h. das Album, geblieben. Das habe ich wohl in einer Wutattacke damals zerrissen.

Die Nummer 1

You`ll never walk alone!

Was wäre die Kulturgeschichte des Pickerls ohne die Panini-Sammelalben zu großen Sport-, vor allem Fußballereignissen?
Mit Franco Cosimo Panini verstarb nun einer der Erfinder dieser weltumspannenden Sammel- und Tauschbewegung im Alter von 76 Jahren. Franco Panini hatte 1961 mit seinen Brüdern Umberto Giuseppe und Benito das erste Sticker-Album mit Bildern italienischer Fußballer auf den Markt gebracht. Heute ist Panini weltweiter Marktführer bei Klebebildern und Italiens viertgrößter Comicverleger. Das Unternehmen ist in 100 Ländern tätig, hat 535 Mitarbeiter und unzählige Aficionados. You´ll never walk alone Franco.

01.05.2007

Tiger im Tank

Mehr als Öl