03.05.2007

Panini

von Evelyn Peternel

Graz, 1986. Ich bin gerade Vier; weder fähig, meinen eigenen Namen leserlich zu schreiben, noch alleine auf die Straße zu gehen. Trotzdem – es gibt etwas, auf das sich all meine Konzentration lenkt, für das ich all meine Barbies links liegen lasse und wofür ich sogar bereit bin, auf Erdbeereis zu verzichten: die Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko.
Doch es sind nicht die Ballkünstler, die Tore oder die Trainings-
methoden, die mich interessieren – es gibt nur eines, wofür es sich zu leben lohnt: das Panini-Aufkleber-Album. 24 Mannschaften – und damit ungezählte leere Felder, die es zu bekleben gilt. Vollkommen egal, welche Leistung ein Spieler oder eine Mannschaft erbringt – mir geht es nur um eines: mehr Pickerln zu sammeln als mein älterer Bruder (zugegeben, manchmal geht es mir auch darum, wie hübsch ein Spieler aussieht). Vier Jahre Altersunterschied, vier Jahre mehr Möglichkeit, Geld für den Kauf von Aufklebern anzusparen: eine Differenz mit schrecklichen Folgen. Das Ende der WM naht (wer Weltmeister wird, erfahre ich erst Wochen später), das Ende der Vergleichsperiode zwischen mir und ihm ebenfalls – und der Wettkampf endet so wie das Endspiel für die Deutschen: Ich liege am zweiten Platz, knapp geschlagen um ein paar Pickerl. (Wie das Leben so spielt, gleicht sich meine Geschichte leider nicht mit jener der deutschen Nationalmannschaft: auch 1990 habe ich den Titel schmerzhaft verpasst.)
Diese Geschichte ist leider ohne ein Andenken, d.h. das Album, geblieben. Das habe ich wohl in einer Wutattacke damals zerrissen.

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