15.05.2007

Wie ich Materialistin wurde


von Brigitte Fuchs

Der „Mehlwurm“ (wie ich es nenne) und das dazugehörige, nicht immer gleiche Ding sind in unterschiedlichen Formaten in weiter Streulage in Wien verteilt, besonders im VI. Gemeindebezirk. „Mehlwurm und Ding“ sind mit Leim auf mehr oder weniger leere Flächen geklebt, also kommt die Plakatpicktechnik zur Anwendung. „Mehlwurm und Ding“ können mithin keineswegs als Pickerln gelten. Pickerln müssen unbedingt selbstklebende Abziehbilder sein. Andererseits verfolgen „Mehlwurm und Ding“ wie Pickerln den Zweck, den berühmt-berüchtigten Horror vacui zu bekämpfen. Diesem wird seit jeher durch Kulturtechniken wie Malen, Zeichnen, Ritzen, Schnitzen, Skarifizieren und Tätowieren begegnet. Als historisch jüngste Technik hat sich das Pickerlpicken entwickelt. Wie Narben, Ritzungen und Tätowierungen lassen Pickerln sich nie wieder ganz entfernen – es sei denn mit Lösungsmitteln, die man normalerweise nicht zur Hand hat.
Nicht ausschließlich gegen die Leere oder die Angst davor werden politische Pickerln eingesetzt. Diese sind – was viele gar nicht wissen – dazu da, um im Bedarfsfall über Feindpickerln gepickt zu werden, die ihrerseits vielleicht im Kampf gegen den Horror vacui aufgepickt wurden. Pickerln können natürlich auch auf Feindplakate geklebt werden – mit leider wenig überzeugendem Effekt, weil die meist eher kleinen Pickerl auf viel größeren Feind- und manchmal auch Freundplakaten nicht sonderlich ins Auge stechen. Anders würde es sich verhalten, würde man Feindplakate unter unzähligen Pickerln verschwinden lassen. Das kommt aber nicht häufig vor. Erstens haben wahrscheinlich selbst begeisterte Pickerlpicker und die weniger häufigen -innen selten so viele Pickerln zur Hand, und zweitens sind derart begeisterte Pickerlpicker und -innen auch wieder selten.
Beispielsweise war ich selbst im halbwegs erwachsenen Alter nie eine begeisterte Pickerlpickerin. (Meine Pickerl-Sammlung ist unbedeutend und besteht in Wirklichkeit hauptsächlich aus Stickern.) Ganz anders war ich als Kind. Damals wurden bei Tankstellen Sammelalben verteilt. Dort wurden auch die dazugehörigen Pickerln, meist mit Tierbildern, verkauft. Das war natürlich ein großer Ärger, weil es erstens schwierig war, die Pickerln ordentlich und ohne Falten einzukleben, zweitens einige Bilder immer mehrmals vorhanden waren, während andere fehlten, die drittens auch andere Kinder nie kriegten und auch durch Tausch nicht zu bekommen waren.
Bleibt die berechtigte Frage, ob nummerierte Abziehbilder, die an vorgesehenen Plätzen in eigens für diesen Zweck hergestellte Sammelalben geklebt werden, überhaupt echte Pickerln sind. Dafür spricht, dass es sich tatsächlich um Pickerln, also selbstklebende Abziehbilder handelt. Andererseits verdecken Sammelalben-Pickerln weder etwas Feindliches wie politische Pickerln noch wird die Furcht vor der Leere bekämpft: Schließlich ist ein Sammelalbum nur scheinbar leer: Die Leere ist in Wirklichkeit artifiziell und wird nur durch den für Sammelalben charakteristischen Imperativ erzeugt, ein bestimmtes, gekennzeichnetes Pickerl an eine ebensolche Stelle im Album zu kleben. Außerdem müssen die Pickerln käuflich erworben oder, wie auch immer, gesammelt werden. Dadurch wird das Pickerlpicken quasi hyperorganisiert, weil immer die richtigen Pickerln „richtig“ – eben vorschriftsmäßig – eingeklebt werden müssen. Beim Sammelalbum, wie eigentlich schon der Name sagt, geht es also mehr ums Sammeln und die „Ordnung der Dinge“ als ums Picken. Mit anderen Worten geht die Bekämpfung des Horror vacui in eine quasi metaphorische, um nicht zu sagen idealistische Form über.

Kommentare:

Horror hat gesagt…

Gäääääähn. Ist der Text schon fertig?

Anonym hat gesagt…

A. Mehlwurm -> Die Made
Das Ding -> Busk

Es gibt nicht dur die ´geleimten Dinger´ (http://www.flickr.com/search/?q=Die+Made) sondern mehr Pickerl als die tapezierten Sujets.

http://www.myspace.com/diemade
http://www.myspace.com/citymod