19.06.2007

5 Freunde, Dante und Moby Dick

von Ann Cotten

Als ich fünf war, zogen wir nach Wien in eine möblierte Wohnung. Über dem Kopfende meines Betts war die Unterseite eines Küchenkastens, an der die Kinder der Wohnungseigentümer in ihrer Kindheit ihre Sammlung von Aufklebern angebracht hatten. Es handelte sich hauptsächlich um Aufkleber, die man von Jeansmodengeschäften, Schuhgeschäften und dergleichen bekam, der eine oder andere Verweis auf Musik war dabei, die Sammlung wurde jedoch vom Bildnis eines mir unbekannten kindlichen Detektivquartetts dominiert. Genau genommen war es ein Quintett, da die Kinder einen Hund besaßen.
Nun las ich immer, wenn ich mit offenen Augen im Bett auf dem Rücken lag – etwas, was scheinbar öfter vorkam – vielfach die vier etwas belämmerten, Kindern zum vermeintlichen Gefallen ausgedachten Namen unter den aufgedunsenen Gesichtern. Während ich die Abenteuer, die die vier durchlebten, nicht kannte, war mir doch die Konstellation aus vielen Kinderbüchern, nicht zuletzt den unendlichen Serien von Enid Blyton, die es in fast jeder beliebigen Heldenmenge gibt, vertraut. Die Typologie und in kindlich unbewusstem Wissen auch die narrative Strategie, die dahintersteckte, waren mir klar. Das nervte. Konnte ich doch gleichzeitig nicht umhin, mir einen Favoriten, den geringsten der Übel, "wenn man sich einen aussuchen müsste", zu wählen, was mir große Schwierigkeiten bereitete.
Die Zeit, die für diese ärgerlichen und unsinnigen Reflexionen draufging, hätte ich nutzen können, um wirklich zu denken, um mit zehn Nietzsche zu lesen, Pascal oder zumindest Dante oder Moby Dick. Von diesen Büchern habe ich bis heute nur den Anfang gelesen. Was mich aber auch ärgert, ist, dass mir ein Freund, dem ich mit einiger rückblickenden Empörung diesen Anschlag auf mein kindliches Denken schilderte, mit der ihm typischen aufreizenden Seelenruhe meinte, man hätte doch ganz leicht diese Pickerl entfernen oder übermalen können.
Ärgerlich daran ist nicht nur das Einleuchtende, das die Schuld schon beinahe auf meine Eltern und jedenfalls auf mich schiebt – warum habe ich mich denn in dieser Hinsicht so gar nicht um mein ästhetisches Wohlbefinden gekümmert, wo ich mich doch noch gut an die Kränkungen erinnern kann, die ich erlitt und im übrigen immer noch erleide, wenn mir jemand etwas Scheußliches in der Überzeugung schenkt, es passe zu mir und müsse mir sicherlich gefallen, sowie an die Quengeleien betreffend die Frage, welchen Deckenüberzug meine Schwester und ich jeweils für die nächste Zeit erhalten sollten. Ärgerlich ist daran auch, dass ich vermuten muss, hätte jemand mir damals angeboten, die Unterseite des Kastens zu streichen, um mich von den mich quälenden Schriften und Bildern zu befreien, hätte ich das Angebot strikt abgelehnt. Das Fremde, Unbekannte und Unverständliche daran, die Verweise, die in einer anderen Kindheit eine Rolle gespielt hatten, eine wie kleine auch immer, dieses unabsichtliche und nebensächliche Fenster in das Leben einer anderen Person war mir hochheilig. Was mich aber fast noch mehr ärgert, ist, dass ich den genauen Rhythmus der vier Namen weiß, aber die Namen selbst in einer seichten, fast greifbaren Schicht des Gedächtnisses liegengelassen habe.

13.06.2007

Föhnwelle

11.06.2007

Volkssport

05.06.2007

Nicht alle Auto-Nummern müssen bei Dunkelheit beleuchtet sein

von Martin Behr

Wenn die Karosserie des Automobils tatsächlich die zweite Haut des (männlichen) Menschen sein soll, dann ähneln Applikationen auf dieser einem temporary tattoo. Zeitlich befristet schmückt man sich mit einem Motiv, welches einen Teil der eigenen Persönlichkeit ausdrückt oder zumindest vorgibt, ihn auszudrücken: Verwegener Subkultur-Charme, wenn auch nur für zwei Wochen.
Das Autoheck ist so etwas wie das schwarze Brett, die lackierte Mitteilungstafel des Fahrzeugbesitzers. Im Nahbereich der Nummerntafel, dort, wo auch über Aufkleber die Nationalität sichtbar gemacht wird, war es eine Zeit lang modern, Auskünfte über sein Intimleben einer größeren Öffentlichkeit zu vermitteln. „Salzburger schnaxl’n besser“ beispielsweise, „Hurra! Ich bin schon wieder Erster!“ (in Verbindung mit einer kindlichen Grafik, die einen Mann im Stadium des vorzeitigen Samenergusses zeigt), „Bitte nicht bumsen“ als Überschrift für zwei möglicherweise aus Entenhausen stammende Automobile in eindeutig zweideutiger Pose oder „Mein Hobby Igeln“.
Zu sehen sind zwei Erinaceus Europeus-Exemplare (Braunbrustigel) in der a tergo-Stellung, wobei der Intimkontakt dem Männchen bereits durch die innige Vereinigung der Körper Verletzungen auf der Bauchseite zugefügt hat, wie sieben kreuzartig aufgeklebte Heftpflaster beweisen. Der beabsichtigte Witz der Darstellung beruht auf der Doppeldeutigkeit des Begriffs „igeln“, welcher umgangssprachlich für „koitieren“ steht.
Die Pflaster stammen aus einer Rotkreuz-Tasche, die unweit des lustvollen Geschehens auf dem grünen Rasen ruht. Der Gesichtsausdruck des Weibchens ist freudig erregt, jener des Männchens leicht verschreckt, was auf einen unmittelbar nahenden, sexuellen Höhepunkt schließen lässt. Zwei Blumen sind in dasselbe Rot getaucht wie das Kreuz auf der weißen Erste-Hilfe-Tasche.
Der Fahrzeugbesitzer, der sich mit diesem Aufkleber aus dem Hause „Burg Design“ schmückte, dokumentiert also, dass der Fortpflanzungsakt seine (Lieblings?-)Freizeitbeschäftigung darstellt. Er betont seine Virilität, bewirbt offensiv seine Geilheit. Der Aufkleber, der auf jedem gelb lackierten Ford Escort mit „St“-Kennzeichen eine passende Heimstätte fand, suggeriert permanente Paarungs-Bereitschaft. Eine Botschaft, die auf Parkplätzen bei Tanzcafes in der Peripherie auf besonderes Gehör zu stoßen schien.
Das Auto wird zum Vehikel eines Imponiergehabes des jeweiligen Besitzers. „Die fast ausschließlich im Bereich des Obszönen beheimateten Sprüche und Darstellungen („Mein Hobby Bumsen“), degradieren solcherart den intimen Bereich der Erotik zum Freizeitvergnügen, zum Hobby einerseits, aber auch zum Mittel eigener Imagepflege innerhalb eines höchst fragwürdigen Leistungsprinzips“, schrieb 1992 der Künstler und Kunsthistoriker Günther Holler-Schuster in seinem Text „Die Gerüchte um einen Wohnwagen und deren Aufklärung in der Kunst des 20.Jahrhunderts – Zur Rauminstallation „Hobby“ von G.R.A.M“.
„Mein Hobby Igeln“ und viele andere mittlerweile längst dem Öffentlichen Blick entschwundene Autoaufkleber mit frivol-zotigen Inhalten sind Nachfolger der barocken Emblematik. Noch ein Zitat Holler-Schuster: „Breitenwirkende Belehrung in einer Erscheinungsform seriellen Design war das Wesen der, aus dem Geiste des Barocks hervorgegangenen Emblematik“.
Mit der öffentlichen Darstellung der über ihre Fortpflanzungsorgane verbundenen Igel durchbricht der biedere Kleinbürgergeist sein selbstgebautes Tabugebäude Sexualität wird, wie das Automobil selbst, zum Statussymbol: viel Prahlerei und Imponiergehabe, Sex als (Wett-)kampf und freilich auch die Degradierung der Frau zum Sexualobjekt. Die Verknüpfung von Sexualität und Automobil ist bei den Aufklebern häufig, selten, aber doch kamen Sprüche auch ohne Illustration aus: „Nicht alle Auto-Nummern müssen bei Dunkelheit beleuchtet sein.“ Zum Beispiel. Und letztmalig Holler-Schuster: „Das barocke Emblem mit seinem verbessernden Anspruch findet hier, trotz seiner formalen Parallele eine fatale Umkehrung.“
In Zeiten, in denen Darstellungen des menschlichen Geschlechtsverkehrs via Mausklick auf den Bildschirm geholt werden können, in denen die Porno-Industrie ihren „Schmuddel-Charakter“ abzulegen beginnt, erscheinen Autoaufkleber aus dem untersten Trivialbereich obsolet zu sein. Die Rolle des Eye-Catchers mit positiver zwischenmenschlicher Wirkung ist vorbei, der Geist der Provokation hat sich ebenso wie jener des (pubertären) Humors verflüchtigt. Die selbstklebenden, von mittelmäßig begabten Gebrauchsgrafikern illustrierten Wahlsprüche wie „…des kleinen Mannes Sonnenschein ist bumsen und besoffen sein“ sind aus dem öffentlichen Bild entschwunden.
Was den Aufregern von einst bleibt, ist Retro-Charme.

02.06.2007

Never mind, Marilyn

01.06.2007

Schwedenpower