05.06.2007

Nicht alle Auto-Nummern müssen bei Dunkelheit beleuchtet sein

von Martin Behr

Wenn die Karosserie des Automobils tatsächlich die zweite Haut des (männlichen) Menschen sein soll, dann ähneln Applikationen auf dieser einem temporary tattoo. Zeitlich befristet schmückt man sich mit einem Motiv, welches einen Teil der eigenen Persönlichkeit ausdrückt oder zumindest vorgibt, ihn auszudrücken: Verwegener Subkultur-Charme, wenn auch nur für zwei Wochen.
Das Autoheck ist so etwas wie das schwarze Brett, die lackierte Mitteilungstafel des Fahrzeugbesitzers. Im Nahbereich der Nummerntafel, dort, wo auch über Aufkleber die Nationalität sichtbar gemacht wird, war es eine Zeit lang modern, Auskünfte über sein Intimleben einer größeren Öffentlichkeit zu vermitteln. „Salzburger schnaxl’n besser“ beispielsweise, „Hurra! Ich bin schon wieder Erster!“ (in Verbindung mit einer kindlichen Grafik, die einen Mann im Stadium des vorzeitigen Samenergusses zeigt), „Bitte nicht bumsen“ als Überschrift für zwei möglicherweise aus Entenhausen stammende Automobile in eindeutig zweideutiger Pose oder „Mein Hobby Igeln“.
Zu sehen sind zwei Erinaceus Europeus-Exemplare (Braunbrustigel) in der a tergo-Stellung, wobei der Intimkontakt dem Männchen bereits durch die innige Vereinigung der Körper Verletzungen auf der Bauchseite zugefügt hat, wie sieben kreuzartig aufgeklebte Heftpflaster beweisen. Der beabsichtigte Witz der Darstellung beruht auf der Doppeldeutigkeit des Begriffs „igeln“, welcher umgangssprachlich für „koitieren“ steht.
Die Pflaster stammen aus einer Rotkreuz-Tasche, die unweit des lustvollen Geschehens auf dem grünen Rasen ruht. Der Gesichtsausdruck des Weibchens ist freudig erregt, jener des Männchens leicht verschreckt, was auf einen unmittelbar nahenden, sexuellen Höhepunkt schließen lässt. Zwei Blumen sind in dasselbe Rot getaucht wie das Kreuz auf der weißen Erste-Hilfe-Tasche.
Der Fahrzeugbesitzer, der sich mit diesem Aufkleber aus dem Hause „Burg Design“ schmückte, dokumentiert also, dass der Fortpflanzungsakt seine (Lieblings?-)Freizeitbeschäftigung darstellt. Er betont seine Virilität, bewirbt offensiv seine Geilheit. Der Aufkleber, der auf jedem gelb lackierten Ford Escort mit „St“-Kennzeichen eine passende Heimstätte fand, suggeriert permanente Paarungs-Bereitschaft. Eine Botschaft, die auf Parkplätzen bei Tanzcafes in der Peripherie auf besonderes Gehör zu stoßen schien.
Das Auto wird zum Vehikel eines Imponiergehabes des jeweiligen Besitzers. „Die fast ausschließlich im Bereich des Obszönen beheimateten Sprüche und Darstellungen („Mein Hobby Bumsen“), degradieren solcherart den intimen Bereich der Erotik zum Freizeitvergnügen, zum Hobby einerseits, aber auch zum Mittel eigener Imagepflege innerhalb eines höchst fragwürdigen Leistungsprinzips“, schrieb 1992 der Künstler und Kunsthistoriker Günther Holler-Schuster in seinem Text „Die Gerüchte um einen Wohnwagen und deren Aufklärung in der Kunst des 20.Jahrhunderts – Zur Rauminstallation „Hobby“ von G.R.A.M“.
„Mein Hobby Igeln“ und viele andere mittlerweile längst dem Öffentlichen Blick entschwundene Autoaufkleber mit frivol-zotigen Inhalten sind Nachfolger der barocken Emblematik. Noch ein Zitat Holler-Schuster: „Breitenwirkende Belehrung in einer Erscheinungsform seriellen Design war das Wesen der, aus dem Geiste des Barocks hervorgegangenen Emblematik“.
Mit der öffentlichen Darstellung der über ihre Fortpflanzungsorgane verbundenen Igel durchbricht der biedere Kleinbürgergeist sein selbstgebautes Tabugebäude Sexualität wird, wie das Automobil selbst, zum Statussymbol: viel Prahlerei und Imponiergehabe, Sex als (Wett-)kampf und freilich auch die Degradierung der Frau zum Sexualobjekt. Die Verknüpfung von Sexualität und Automobil ist bei den Aufklebern häufig, selten, aber doch kamen Sprüche auch ohne Illustration aus: „Nicht alle Auto-Nummern müssen bei Dunkelheit beleuchtet sein.“ Zum Beispiel. Und letztmalig Holler-Schuster: „Das barocke Emblem mit seinem verbessernden Anspruch findet hier, trotz seiner formalen Parallele eine fatale Umkehrung.“
In Zeiten, in denen Darstellungen des menschlichen Geschlechtsverkehrs via Mausklick auf den Bildschirm geholt werden können, in denen die Porno-Industrie ihren „Schmuddel-Charakter“ abzulegen beginnt, erscheinen Autoaufkleber aus dem untersten Trivialbereich obsolet zu sein. Die Rolle des Eye-Catchers mit positiver zwischenmenschlicher Wirkung ist vorbei, der Geist der Provokation hat sich ebenso wie jener des (pubertären) Humors verflüchtigt. Die selbstklebenden, von mittelmäßig begabten Gebrauchsgrafikern illustrierten Wahlsprüche wie „…des kleinen Mannes Sonnenschein ist bumsen und besoffen sein“ sind aus dem öffentlichen Bild entschwunden.
Was den Aufregern von einst bleibt, ist Retro-Charme.

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