30.07.2007

Rallyworld II

Rallyworld I

27.07.2007

Von der Langzeitwirkung des Pickerls

von Georg Fuchs

Auch wenn das Wort „Pickerl“, ebenso wie die aus dem Pickerluniversum nicht wegzudenkende Tätigkeit des Kletzelns [Entfernen von Pickerln bzw. von Rückständen derselben ohne Zuhilfenahme von Lösungsmitteln, Anm.], auf einen österreichischen Ursprung hindeutet, liegt die tatsächliche Genese des Pickerls im Dunklen.
Die vor allem in den ehemaligen sozialistischen Ländern verbreiteten Anstecker, ob handlackiert und aus feinstem sowjetischen Stahl in Form eines Raumschiffes oder nur als schlichtes Stück Blech mit dem Emblem eines bedeutenden politischen oder kulturellen Ereignisses, erleben zur Zeit wieder einmal eine (wenn auch entpolitisierte) Renaissance. Als Orden für Menschen ohne besondere Verdienste haben sie mit wenigen Ausnahmen ausgedient, ungebrochene Popularität genießen sie aber als modische Accessoires auf den Rucksäcken junger Menschen.
Anders als der Aufnäher aus Stoff, der seinen Träger beinahe mit einer ins Numinose hineinragenden Aura umhüllt, ist das Pickerl Ausdruck von Bescheidenheit und Zurückhaltung. Die Botschaft steht im Vordergrund, die Form spielt nur im Ausnahmefall eine Rolle. Zwar existieren in der Nacht leuchtende Pickerl ebenso wie metallbeschichtete Luxusausführungen, aber das Pickerl als solches, man muss es leider konstatieren, ist eine im Aussterben begriffene Spezies. Zwar hat es noch keine bedrohliche Seltenheit erreicht, aber im Vergleich zu den Höhenflügen, den das Pickerl in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erleben durfte, ist sein Überleben mehr als unsicher. Der Hauptgrund dafür ist im historischen Prozess der Entideologisierung und Entsolidarisierung zu suchen: Die politischen Botschaften sind zwar einfach geblieben, werden heute aber auf subtilere Weise in die Köpfe gehämmert. Und wer sich gerne mitteilen möchte, sucht ein entsprechendes Internetforum auf, anstatt sich mit Slogans zu bedecken. Dazu kommt, dass die Werbewirtschaft heutzutage lieber mit Popups nervt, die die Lektüre von Webseiten zur Qual werden lässt.

Fortsetzung hier

22.07.2007

Parkplatz

12.07.2007

... ein Glücksklee und die RAF

von Wolfgang Pollanz

Seltsam ist, dass ich überhaupt keinen Zusammenhang herstellen kann zwischen meiner Leidenschaft für Popmusik und irgendwelchen Pickerln von Bands oder Popmusikern. Ich habe in meinem Leben Unsummen ausgegeben für Schallplatten und CDs, für Bücher über Rockmusik und Musik-Zeitschriften, aber an Aufkleber kann ich mich nicht erinnern. In der Toilette meines Hauses kleben auf den Fliesen ein paar davon, Orange Vinyl! steht auf einem, Includes the single South Central Rain steht auf einem anderen. Das waren Sticker, die auf LP-Covers zu finden waren, und sie stammen alle aus den frühen Achtziger Jahren. Pop-Aficianado war ich allerdings seit 1966, dem Jahr meines Superman-Aufklebers, meine ersten LPs und Singles stammen aus dieser Zeit. An Band-Pickerl aus den Sechziger Jahren kann ich mich einfach nicht erinnern, ich frage mich, ob es die damals überhaupt schon gegeben hat. Und weil ich immer schon an Alltagsgeschichte und Alltagsgeschichten interessiert war, würde ich ganz gerne mehr darüber wissen. Wer war der Erfinder des Aufklebers? Hat jemand schon einmal über die Kulturgeschichte des Pickerls nachgedacht, gibt es möglicherweise irgendwo auf der Welt eine Sammlung zu diesem Thema? Dass sich die grafische Ästhetik der Aufkleber dem jeweiligen Zeitgeist anpasst, ist eine Binsenweisheit. Aber wie sieht es aus mit der Rolle des Pickerls im öffentlichen Diskurs, welche kulturgeschichtliche Rolle spielt es eigentlich?
Eine kleine Geschichte fällt mir am Ende noch ein. Ich glaube, einmal im Spiegel gelesen zu haben, dass Mitglieder der RAF ihre Autos mit Glückskleeaufklebern kennzeichneten, die an ganz bestimmten Stellen angebracht wurden. Selbst wenn diese Geschichte nicht wahr, sondern nur meiner sehr ungenauen Erinnerung entsprungen sein sollte, zeigt sie doch, dass es auch hier um Distinktion geht, und dass ich schon sehr früh erkannt habe, was die Funktion solcher Aufkleber ist. Sie lassen einen unterschiedlich sein, lassen einen heraustreten aus der Masse der Menschen ohne ein bestimmtes Pickerl, lassen einen Mitglied einer Gruppe sein, jener der coolen Superman-Puch-Radfahrer etwa, oder der sauguten Mickey Mouse-Kneissl-Schifahrer, oder meinetwegen der RAF. Hauptsache, man ist nicht einer von all den uninteressanten Anderen. Das macht einen stark und man gehört damit zu den Guten, völlig egal, was der Rest der Menschen darüber denkt.

Fortsetzung zu: Supermänner und Mickey Mouse

10.07.2007

Franzzz!

07.07.2007

Supermänner und Mickey Mouse ...

von Wolfgang Pollanz

Das erste Pickerl, an das ich mich erinnern kann, ist ein Superman-Aufkleber der Firma British Petrol. Ich nehme an, dass es damals – sagen wir einmal, es war 1966 – bei uns in der Nähe eine BP-Tankstelle gegeben haben muss. Irgendwie bin ich halt in den Besitz dieses Pickerls gekommen, der fliegende Superman darauf war nicht in den traditionellen Farben Rot, Blau und Gelb gehalten, sondern in jenen der Ölfirma, in Grün und Gelb. Und weil das Pickerl in seiner Gesamtgröße sich nicht auf den vorderen Kotflügel meines Dreigang-Rades kleben ließ, habe ich den Superman kurzerhand ausgeschnitten, ihn seines Mineralölfirmen-Kontexts beraubt – obwohl, auf seiner Brust, leider habe ich das nicht mehr zu hundert Prozent in Erinnerung, trug er statt des Superman-Logos das von BP. Trotzdem: Ich war jetzt stolzer Besitzer eines Superman-Puch-Dreigang-Rades, der Aufkleber hatte mein Rad zu einem Unikat gemacht. Ich denke, dass ich schon damals verstanden habe, worum es gehen sollte in meinem Leben; auch wenn ich noch nicht alles wusste, aber Distinktion war mir bereits in jenen jungen Jahren wichtig. Und mit dem Pickerl auf dem vorderen Kotflügel meines Rades war ich nicht mehr irgendwer, ich war jetzt endlich Superman.
Im Winter gab es für Superman auch noch das Schilaufen. An die Stelle des Obstgartens vor meinem Elternhaus, wo wir uns die Piste selbst staffeln mussten, traten bald die Schikurse und die sonntäglichen Busfahrten vom Internat in die Obersteiermark, in die dortigen Schigebiete, wo mir am Nachhaltigsten die berüchtigte Abfahrt in der Polster-Rinne nahe Eisenerz in Erinnerung geblieben ist. Irgendwann einmal, ich glaube, ich war schon etwas älter, bekam ich ein Paar Schi der Firma Kneissl. Die Marke hieß White Star, und sie hatte nichts mit der steirischen Schlagerband zu tun, die es um diese Zeit auch schon gab. Und weil es mir wieder um Distinktion ging, habe ich mein Paar Schi natürlich sofort individualisieren müssen, wieder schnitt ich aus einem Pickerl (woher ich es hatte, weiß ich beim besten Willen nicht) einen Mickey Mouse-Kopf aus und klebte ihn über den Kneissl-Stern, der trotz des Namens des Modells schwarz war (die Brettl selbst waren weiß). Von da an war ich der einzige stolze Besitzer von Mickey Mouse-Kneissl-Schiern, die im Übrigen, den damaligen Gepflogenheiten entsprechend, bestimmt einen Meter neunzig lang waren. Richtige Abfahrer-Brettl, auf denen ich als Superman auf Mickey Mouse-Schiern die Polster-Rinne und andere schwarze Pisten hinunterdonnerte.

Fortsetzung hier