12.07.2007

... ein Glücksklee und die RAF

von Wolfgang Pollanz

Seltsam ist, dass ich überhaupt keinen Zusammenhang herstellen kann zwischen meiner Leidenschaft für Popmusik und irgendwelchen Pickerln von Bands oder Popmusikern. Ich habe in meinem Leben Unsummen ausgegeben für Schallplatten und CDs, für Bücher über Rockmusik und Musik-Zeitschriften, aber an Aufkleber kann ich mich nicht erinnern. In der Toilette meines Hauses kleben auf den Fliesen ein paar davon, Orange Vinyl! steht auf einem, Includes the single South Central Rain steht auf einem anderen. Das waren Sticker, die auf LP-Covers zu finden waren, und sie stammen alle aus den frühen Achtziger Jahren. Pop-Aficianado war ich allerdings seit 1966, dem Jahr meines Superman-Aufklebers, meine ersten LPs und Singles stammen aus dieser Zeit. An Band-Pickerl aus den Sechziger Jahren kann ich mich einfach nicht erinnern, ich frage mich, ob es die damals überhaupt schon gegeben hat. Und weil ich immer schon an Alltagsgeschichte und Alltagsgeschichten interessiert war, würde ich ganz gerne mehr darüber wissen. Wer war der Erfinder des Aufklebers? Hat jemand schon einmal über die Kulturgeschichte des Pickerls nachgedacht, gibt es möglicherweise irgendwo auf der Welt eine Sammlung zu diesem Thema? Dass sich die grafische Ästhetik der Aufkleber dem jeweiligen Zeitgeist anpasst, ist eine Binsenweisheit. Aber wie sieht es aus mit der Rolle des Pickerls im öffentlichen Diskurs, welche kulturgeschichtliche Rolle spielt es eigentlich?
Eine kleine Geschichte fällt mir am Ende noch ein. Ich glaube, einmal im Spiegel gelesen zu haben, dass Mitglieder der RAF ihre Autos mit Glückskleeaufklebern kennzeichneten, die an ganz bestimmten Stellen angebracht wurden. Selbst wenn diese Geschichte nicht wahr, sondern nur meiner sehr ungenauen Erinnerung entsprungen sein sollte, zeigt sie doch, dass es auch hier um Distinktion geht, und dass ich schon sehr früh erkannt habe, was die Funktion solcher Aufkleber ist. Sie lassen einen unterschiedlich sein, lassen einen heraustreten aus der Masse der Menschen ohne ein bestimmtes Pickerl, lassen einen Mitglied einer Gruppe sein, jener der coolen Superman-Puch-Radfahrer etwa, oder der sauguten Mickey Mouse-Kneissl-Schifahrer, oder meinetwegen der RAF. Hauptsache, man ist nicht einer von all den uninteressanten Anderen. Das macht einen stark und man gehört damit zu den Guten, völlig egal, was der Rest der Menschen darüber denkt.

Fortsetzung zu: Supermänner und Mickey Mouse

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