28.08.2007

Rygning, nej tak!

von Saskia Schlichting

Meine Sitznachbarin in der 8. und 9. Klasse war Agnes T. Andersson. Sie hatte den größten Hintern und den kleinsten Busen, war Klassenbeste und konnte im Englisch-Unterricht einen perfekt amerikanischen Slang hinlegen. Und: Sie war eine radikale Anti-Raucherin. Man muss wissen, dass Ende der 70er-Jahre auf dänischen Schulhöfen – mit Erlaubnis der Eltern – schon kräftig geraucht werden durfte und da unser damaliger Klassenlehrer H.P. Jensen regelrecht ein qualmender Glimmstängel darstellte, weil er in jeder Pause und zu jeder Gelegenheit eine Zigarette anzündete, entwickelte Agnes ihre erste Anti-Raucher-Kampagne. Sie brachte eines Tages Unmengen von Aufklebern in die Schule. Leider erinnere ich mich nicht mehr, wie die einzelnen Slogans hießen. „Jeg har holdt op med at ryger, havd med dig?” z. B. war einer davon. (zu Deutsch: Ich habe aufgehört zu rauchen, was ist mir Dir? „Rygning, nej tak!“ (klingt wie Atomkraft, nein danke) Es waren auf jeden Fall Unmengen. Dazu gab´s irgendwelche Aufklärungshefte mit Lunge vorher und Lunge nachher. Igitt, dachten alle. Meine Klassenkameraden und ich hatten in kürzester Zeit die gesamten Schulbuchumschläge voll mit Anti-Raucher-Stickern. Mein Heftordner war von oben bis unten, außer einem übrig gebliebenen Bay-City-Roller Sticker aus früheren Zeiten, mit Anti-Raucher-Stickern beklebt. Zu Hause bekamen die kleinen Geschwister großzügig Unmengen davon für ihre Sticker-Sammlung. In der 9. Klasse ertappte ich Agnes bei ihrer ersten Zigarette. Auf einem Fest bei ihr zu Hause rauchte sie schon ungeniert „Prince Denmark“ – ziemlich starker Tabak. Ich war zutiefst enttäuscht. Ich hatte bislang nur Erfahrung mit „Lord Extra“ gemacht, die ich meinem Vater aus dem Keller klaute. Das reichte zum Abgewöhnen. Was aus Agnes T. Andersson geworden ist, habe ich nie erfahren. Ich glaube, sie ist Schauspielerin geworden. Mein Lehrer H.P. Jensen starb jedenfalls später an Lungenkrebs. Der „Anti-Raucher/Bay City Roller“ Ordner liegt heute noch auf einem Dachboden irgendwo in Deutschland.

17.08.2007

Der Ton macht die Musik

16.08.2007

Making cars better

12.08.2007

Eis in Zeiten der PR-Kultur

von Elke Murlasits

Die Veröffentlichung der neuen Eskimo-Eiskarte war in meinem Volksschulleben in Gratkorn einer der absoluten Höhepunkte nach der langen Zeit des bis aufs Eislaufen unsinnigen Winters. Die neueste Eiskarte, was für ein Traum: damit verbunden waren lange Nachmittage im Kinderfreundeschwimmbad, Ferien, Sommer und prickelnd eiskalte Köstlichkeiten.
Über die ideologischen Differenzen zwischen Schöller- und EskimoanhängerInnen brauche ich an dieser Stelle wohl nichts anzumerken, für mich jedenfalls war Eskimo – bis auf den legendären „Milchflip“ und das „Rumfass“ – der absolute Favorit. Diese Diskussion, die zumindest in meinem damaligen Freundeskreis hochbrisant war und sich vor allem anlässlich von Schulwandertagen entzündete, dürfte de facto eher eine langsame Integration in eine Marketingzielgruppe gewesen sein als eine rein ideologische Frage. Stadt- oder Landkind, Rote Falken oder Katholische Jugend, Falco oder Kurti Elsasser?
Klar entschieden wurde diese Frage für mich, kaum erstaunlich, an einem Sommerbeginn, Jahr unbekannt. Sobald sich die Monate mit „R“ dem Ende zu neigten, wurde der Gang zum Konsum in der Grazerstraße immer spannender: wird heute die neue Eiskarte im Geschäft stehen? Werden die neuen Eislutscher präsentiert? Was wird heuer das Besondere sein? (Von Kaugummistengeln war da noch lange keine Rede …) Gedrängt von diesen kindlich-naiven Fragen stand ich plötzlich einem neuen Phänomen gegenüber: das neue Eskimoeis wurde mit schrillen, dreieckigen Pickerln (so haben die nämlich bei uns geheißen) in Neonfarben beworben! Wahnsinn! Was soll denn das bitte sein? Gewöhnt an Astrid Lindgren-Geschichten und Sarah Kay-Ästhetik, war diese „Trendwende“ für mich ein totaler Quantensprung. Vielleicht ist diese Verwunderung heute schwer zu verstehen, für mich ist damals wirklich ein neues ästhetisches Fenster aufgegangen, wow, was für eine Vorlage! Goodbye Volksschule, so muss die Pubertät schmecken! Mein erster Kontakt mit Popkultur hat mir den süßen Geschmack von Plattfuß auf die Zunge gezaubert, wen darf es da wundern …

09.08.2007

Schön wärs ...

03.08.2007

Liste 4 4ever

von Georg Fuchs

Früher war aber alles anders. Zuerst bediente sich der Herr der Engel oder ließ Dornenbüsche brennen. Dann kam es zur Trennung von Staat und Kirche. Die Kirche blieb bei den bewährten Formen der Kommunikation, der Staat musste sich ständig den Moden der Zeit anpassen und neue Wege einschlagen. Stellvertretend hierfür sei Helmi erwähnt, ein gestreifter Sturzhelm aus dem Reich der Cephalopoden, der einer ganzen Generation die Welt der Verkehrssicherheit näherbrachte. In meiner persönlichen Pickerlbiographie standen politische Inhalte im Vordergrund. Die ältesten Exemplare, an die ich mich erinnern kann, trugen Botschaften, die ich zwar nicht verstand, die aber einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben – der beste Beweis für die durchschlagende Langzeitwirkung dieses Mediums: „Taus-Götz: Nein danke“ war da zu lesen, manchmal auch „Latein – nein, danke“. Der Slogan „Warte nicht auf bessere Zeiten, protestier, wähl Liste 4“ hat sich so tief in mein Unterbewusstsein eingegraben, dass ich mich der Liste 4 bis heute tief verbunden fühle.
Mickyvision, die Schwesternzeitschrift von Micky Maus, wurde monatlich mit einem Pickerlbogen ausgeliefert, während das zu Semesterbeginn zu erneuernde Pickerl im Studierendenausweis nicht nur die Teilnahme an den ÖH-Wahlen bestätigte, sondern auch Platz für den sogenannten „Mensastempel“ bot, der zu ermäßigtem Essen berechtigte. Heute ist das ehrwürdige Pickerl einer unpersönlichen Plastikkarte gewichen, Mickyvision wurde 1993 eingestellt. Kfz-Prüfplakette und Autobahnvignette werden in absehbarer Zukunft durch fälschungssichere Chips ersetzt, nur die Computer von Apple werden noch mit pickerlähnlichen Folien ausgeliefert, die durch ihre rückstandslose Ablösbarkeit allerdings eine identitätskrisenstiftende Zwischenexistenz führen.
Aber wenn eines Tages das letzte Pickerl gepickt wurde und der letzte Preiszettel eine CD-Hülle unwiderruflich verschandelt hat, werdet ihr feststellen, dass das Leben sehr trist sein kann, wenn man nichts mehr zu kletzeln hat.

Fortsetzung zu: Von der Langzeitwirkung des Pickerls