16.09.2007

Das Vermächtnis der Prilblumen 1

von Gisela Müller

Auf dem Dachboden meiner Eltern steht zwischen Kartons, alten Reisekoffern, ausrangierten Sesseln, Sofas und Bettgestellen ein kleines Schränkchen aus Holz. Der Schrein meiner Kindheit. Einstiger Aufbewahrungsort für wichtigste Mädchenutensilien, Puppenkleider und Federmäppchen, Spielzeugkleinteile, Muscheln und Kieselsteine, Dosen und winzige Dinge aus Plastik und Geheimnisse aller Art.
Das Innere des Schreins ist heute leidlich verwaist. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, zu welchem Zeitpunkt in meinem Leben ich die Kindheit aus meinem Elternhaus evakuiert habe, oder ob dies überhaupt je geschehen und sie nicht doch noch in jedem Winkel dort anzutreffen ist.
Das Äußere des Schreins scheint mir Zeugnis abzulegen für ein frühes, geradezu avantgardistisches Bekenntnis zur Post-Postmoderne. Sozusagen avant-la-lettre, vor jeder schriftlichen Fixierung, vor jeder Theorie.
Front und Seitenteile meines Kinderschranks sind dicht beklebt mit bunten Stickern. Neben und übereinander pappt, was das sammelnde Kind damals an Tankstellen, in Geschäften, bei Infoständen in der Fußgängerzone, im Fremdenverkehrsamt am Urlaubsort und im Tausch mit Freundinnen und Brüdern zum Abziehen erbeutet hat. Einziges Kriterium für einen begehrenswerten Aufkleber war die selbstklebende Rückseite. Außerdem durfte er nur umsonst oder im Tausch, nie aber im käuflichen Erwerb ergattert werden. Zwar gab es auch Aufkleber zum Kaufen, Sammelbilder, Schlümpfe, Dekorblumen und Ponys. Doch das war eher was für Kindergeburtstage. Sobald man angefangen hatte, Sticker vom eigenen Taschengeld zu kaufen, war man schon im Stadium der Dekadenz des Aufklebersammeltums angelangt. Also quasi so gut wie erwachsen.
Der Schrein meiner Kindheit stammt aus einer früheren Periode. Als das Kindssein noch in sich selbst ein Mysterium barg, und die Welt umher verschwenderisch ausgebeutet werden konnte, weil jede Kleinigkeit, jedes Stückchen dieser seltsamen Welt, einen immens großen Wert besaß, der unmöglich in Geld zu übersetzen war.

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