16.03.2008

Mein Leben mit Aufklebern 2

von Matthias Schamp

Danach trat in meinem Verhältnis zu Aufklebern eine gewisse Beruhigung ein. Staunend, jedoch nur aus der Distanz heraus, nahm ich noch die Welle wahr, die über Deutschland hinwegschwappte, als alle ihre auf Hochglanz polierten Karren mit bunten Klebeformen verzierten, die wie Farbbeutelwürfe aussahen: Selbstironische Subversion an den eigenen Wertesystemen oder Beleg für die Theorie der umgekehrten Signifikanten, derzufolge gerade wer besonders angepasst lebt, sich gern mit Zeichen umgibt, die das Wilde, Unangepasste ausdrücken?
Im Nachhinein betrachtet muß man sagen, dass diese relative Zeit der Ruhe keineswegs ein Loslassen bedeutete, sondern nur ein Atemholen, Kraftschöpfen. 1991 trat meine Leidenschaft für Aufkleber nämlich in eine neue Phase: mit der Gründung der „NON(+)ULTRA, Zeitschrift für syntaktische Konfusion“. Die Mitarbeiter schickten mir ihre Beiträge in Form von Stempeln, Sprühschablonen oder eben auch Aufklebern, und ich zog dann los, und brachte die Beiträge an mir geeignet erscheinenden Stellen an. Jeweils nach einem halben Jahr wurde das Zeichenrepertoire ausgetauscht und die nächste Ausgabe der Zeitschrift in Betrieb genommen.
Der Beitrag, der mir am meisten abverlangte und mir insofern besonders gut in Erinnerung geblieben ist, war eine Einsendung des Boml-Werkes mit dem Titel „Die nachgelassenen fotografischen Erinnerungen der Frau R. aus Köln“. Dabei handelte es sich um ein Konvolut Fotos, die der Einsender rückseitig in mit Klebefolie beschichtet hatte. Weil sich niemand mehr für diese fotografischen Hinterlassenschaften einer Versorbenen interessierte, waren sie zur Vernichtung bestimmt gewesen, bis sich das Boml-Werk der Bilder annahm, und sie an mich weiterleitete mit der Bitte, sie noch einmal dem öffentlichen Bewusstsein zuzuführen.
Seltsames Empfinden bei der Zurhandnahme der Fotos. Unwillkürlich baute sich eine Beziehung zu der Person auf, deren Leben in diesen festgehaltenen Momenten an einem vorbeizog. Auch ein Gefühl der Verantwortung: Für jedes dieser Fotos einen passenden Ort im öffentlichen Raum zu finden, bedeutete schließlich keine leichte Aufgabe. Intime Wohnzimmerszenen, die plötzlich im Getriebe der Stadt aufblitzten. Oder verblichene Reisefotos aus den 50er Jahren, die wie Spindbilder beim Öffnen eines Bahnhofsschließfaches dem Benutzer ins Auge sprangen. Die Fotos verschmolzen derart gut mit ihren Anbring-Orten, dass sie teils Jahre dort überdauerten, ohne dass sich jemand bemüßigt fühlte, sie abzureißen.
Soviel Rücksicht nahm ich selbst hingegen nicht immer. Eine Zeit lang gehörte es zu meinen Beschäftigungen, an der Pissrinne meiner Stammkneipe mit der freien Hand die in Reichweite befindlichen Aufkleber mittels gezieltem Knibbeln umzugestalten. Auf diese Weise entstanden bizarre Fabelwesen und andere Wesenheiten, die sich unter den Gästen einer gewissen Beliebtheit erfreuten. Doch ließ ich nur blöden Aufklebern, oder solchen, die sowieso schon von Abreißspuren in Mitleidenschaft gezogen worden waren, diese Behandlung angedeihen.
Dieser Zeitvertreib konnte indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ein anderer Wunsch war, der längst von mir Besitz ergriffen hatte: Die Sehnsucht nach dem ersten eigenen Aufkleber. 1999 hatte ich im Ruhrgebiet eine Bewegung, die „Wir sind das Bild“-Bewegung, ins Leben gerufen, die rasch anschwoll. Unter dem Motto „The Movement is going international” fand 2001 die erste Demonstration auf englischem Boden statt. Später gerieten auch Österreich und Finnland in den Sog. Demonstration folgte auf Demonstration. Ich kam mit dem Verfassen der Aufrufe kaum hinterher. Zur Ausrüstung gehörten Demoschilder, Transparente, Fähnchen, Flugblätter und ein Agitationsstand. Es gab sogar Buttons, die ich an einer eigens zu diesem Zweck ausgeliehenen Buttonmaschine fabriziert hatte. Das Einzige, was mir bislang versagt geblieben war, waren Sticker, richtig gesiebtdruckte Sticker – quasi das Salz in der Suppe jeder Bewegung.
Da hatte ich das Glück, einem freundlichen Menschen zu begegnen, dessen Wohlwollen ich gewann, indem ich Watte bewegte. Dies geschah unter dem Motto „Den Erwartungshorizont unterschreiten – jetzt!“ Es wird ja immer gottweißwas davon berichtet, wie verwöhnt die Leute seien in diesem Zeitalter der Spektakel. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sie sich auch schon allein dadurch prächtig unterhalten fühlen, wenn man Watte bewegt.
Jedenfalls gab mir der freundliche Mensch das Geld für meinen ersten Aufkleber, auf den ich natürlich mächtig stolz bin. Oben steht: „We are the picture“, unten: „International movement“. Und aus einem Stern weist eine Hand direkt auf den Betrachter. Daneben steht: „Join in!“

10.03.2008

Digital ist besser

05.03.2008

Mein Leben mit Aufklebern

von Matthias Schamp

Prilblumen. Alles begann mit Prilbumen, diesen Ausgeburten des Pop-Zeitalters. Flower-Power comes to Küchenfliesen. Unter merkantilem Gesichtpunkt war es natürlich genial, die Spülmittelflaschen mit den Aufklebern aufzupeppen. Auch unsere kleine Kindergesellschaft konnte sich derem suggestiven Zwang nicht entziehen. Und so blühten sie denn, von der Mutter geduldet, im reinlichen Küchenbiotop.
Subtiler noch, weil unter dem Mäntelchen des Lehrreichen, war der Dreh, den sich Esso ausgedacht hatte: Heinz Sielmanns „Könige im Tierreich“ und „Vorstoß in die Tiefe“ von Hans Hass. Zum Benzin gab’s bunte Einklebe-Bildchen. Und die Rechnung ging auf: Unsere kleine Kindergesellschaft zwang die Mutter, fortan nur noch Esso zu tanken.
Doch hatte auch dies sein Gutes. Philosophische Urerfahrungen ¬von der Durchschlagkraft eines Höhlengleichnisses waren das, wenn ein Wesen, das beim beständigen Durchblättern des Bandes als bloße Bezeichnung sein Dasein gefristet hatte, durch Einkleben des passenden Bildes plötzlich aus den Nebelbänken der Begrifflichkeit hervorstieg und Gestalt annahm. Gnu! Tapir! Seekuh! Auch stammt aus dieser Zeit mein legendärer Deutschaufsatz zum Thema „Was ich einmal werden möchte“ (Antwort: Tiefseetaucher) der mein späteres Sein vorwegnimmt. Alles, was ich seither treibe, sind Tauchgänge in die Schichten der Realität.
Den subtilen Einflüsterungen des Kapitalismus, die uns selbst zu Kapitalisten werden ließen, erlagen wir dann endgültig, als das Kapitel „Fußballbildchen“ aufgeschlagen wurde. WM 74. Beckenbauer, Breitner, Hoeneß ... Kurz drauf glückte dem ortsansässigen Fußballverein der Aufstieg in die erste Liga. Hektische Tauschgeschäfte auf der Schulhofbörse mit täglich wechselnden Kursen. Es gab Ramsch und Raritäten. Ich erinnere mich noch gut an das Gefühl beim Aufreißen der Tüten. Zu welcher Seite würde sich die Schicksalswaage diesmal neigen? Dabei hatten sich die multinationalen Konzerne, die sich der Produktion von Fußballbildchen verschrieben haben, eine Gemeinheit ausgedacht: Künstliche Verknappung. Jeweils ein Fußballer, der sich in einer Region besonderer Beliebtheit erfreute, war in eben dieser, seiner Heimatregion, extrem selten. Doch anstatt zu lamentieren wusste ich diesen Umstand zu nutzen, indem ich mit meinem Vetter ein städteübergreifendes Tauschsystem etablierte. Friedhelm Funkel, für den in Krefeld Spitzenpreise erzielt wurden, kriegte man in Bochum hinterher geschmissen. So gelang es quasi aus dem Nichts und mit minimalem finanziellem Einsatz das komplette Album voll zu bekommen und sogar noch einen hübschen Überschuss zu erzielen. Wenn ich meine ökonomischen Misserfolge in späteren Jahren dagegen halte, muß ich eingestehen: Dies war meine geschäftstüchtigste Zeit im Leben.
Nach dieser rauschhaften Hingabe an die Konsum- und Wirtschaftswelt ging es dann mit Volldampf in die Protestphase. Um mich herum vollzog sich eine Explosion von Aufklebern, die nun „Sticker“ genannt wurden. Natürlich mischte ich kräftig mit. Friedenstaube auf blauem Grund, Anti-AKW-Sonne und „Fuck the Army” auf der Schultasche, letzteres eine freundliche Schildkröte, die einen Armeehelm rammelte. Besser ließ sich der Protest gegen den Staat und der Wunsch nach sexueller Betätigung nicht auf den Punkt bringen. Eva hieß die Frau, mit der es dann klappte.