05.03.2008

Mein Leben mit Aufklebern

von Matthias Schamp

Prilblumen. Alles begann mit Prilbumen, diesen Ausgeburten des Pop-Zeitalters. Flower-Power comes to Küchenfliesen. Unter merkantilem Gesichtpunkt war es natürlich genial, die Spülmittelflaschen mit den Aufklebern aufzupeppen. Auch unsere kleine Kindergesellschaft konnte sich derem suggestiven Zwang nicht entziehen. Und so blühten sie denn, von der Mutter geduldet, im reinlichen Küchenbiotop.
Subtiler noch, weil unter dem Mäntelchen des Lehrreichen, war der Dreh, den sich Esso ausgedacht hatte: Heinz Sielmanns „Könige im Tierreich“ und „Vorstoß in die Tiefe“ von Hans Hass. Zum Benzin gab’s bunte Einklebe-Bildchen. Und die Rechnung ging auf: Unsere kleine Kindergesellschaft zwang die Mutter, fortan nur noch Esso zu tanken.
Doch hatte auch dies sein Gutes. Philosophische Urerfahrungen ¬von der Durchschlagkraft eines Höhlengleichnisses waren das, wenn ein Wesen, das beim beständigen Durchblättern des Bandes als bloße Bezeichnung sein Dasein gefristet hatte, durch Einkleben des passenden Bildes plötzlich aus den Nebelbänken der Begrifflichkeit hervorstieg und Gestalt annahm. Gnu! Tapir! Seekuh! Auch stammt aus dieser Zeit mein legendärer Deutschaufsatz zum Thema „Was ich einmal werden möchte“ (Antwort: Tiefseetaucher) der mein späteres Sein vorwegnimmt. Alles, was ich seither treibe, sind Tauchgänge in die Schichten der Realität.
Den subtilen Einflüsterungen des Kapitalismus, die uns selbst zu Kapitalisten werden ließen, erlagen wir dann endgültig, als das Kapitel „Fußballbildchen“ aufgeschlagen wurde. WM 74. Beckenbauer, Breitner, Hoeneß ... Kurz drauf glückte dem ortsansässigen Fußballverein der Aufstieg in die erste Liga. Hektische Tauschgeschäfte auf der Schulhofbörse mit täglich wechselnden Kursen. Es gab Ramsch und Raritäten. Ich erinnere mich noch gut an das Gefühl beim Aufreißen der Tüten. Zu welcher Seite würde sich die Schicksalswaage diesmal neigen? Dabei hatten sich die multinationalen Konzerne, die sich der Produktion von Fußballbildchen verschrieben haben, eine Gemeinheit ausgedacht: Künstliche Verknappung. Jeweils ein Fußballer, der sich in einer Region besonderer Beliebtheit erfreute, war in eben dieser, seiner Heimatregion, extrem selten. Doch anstatt zu lamentieren wusste ich diesen Umstand zu nutzen, indem ich mit meinem Vetter ein städteübergreifendes Tauschsystem etablierte. Friedhelm Funkel, für den in Krefeld Spitzenpreise erzielt wurden, kriegte man in Bochum hinterher geschmissen. So gelang es quasi aus dem Nichts und mit minimalem finanziellem Einsatz das komplette Album voll zu bekommen und sogar noch einen hübschen Überschuss zu erzielen. Wenn ich meine ökonomischen Misserfolge in späteren Jahren dagegen halte, muß ich eingestehen: Dies war meine geschäftstüchtigste Zeit im Leben.
Nach dieser rauschhaften Hingabe an die Konsum- und Wirtschaftswelt ging es dann mit Volldampf in die Protestphase. Um mich herum vollzog sich eine Explosion von Aufklebern, die nun „Sticker“ genannt wurden. Natürlich mischte ich kräftig mit. Friedenstaube auf blauem Grund, Anti-AKW-Sonne und „Fuck the Army” auf der Schultasche, letzteres eine freundliche Schildkröte, die einen Armeehelm rammelte. Besser ließ sich der Protest gegen den Staat und der Wunsch nach sexueller Betätigung nicht auf den Punkt bringen. Eva hieß die Frau, mit der es dann klappte.

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